Hessisch Oldendorf

Der Jüdische Friedhof und die Juden von Oldendorf (3)


Grab D1
:

Ida Spanier, gestorben 1922.

 

Grab D2:

Alexander Spanier

Dr. Ludwig Spanier, beide gestorben 1928.

Das Handelshaus Lilienfeld war, wie berichtet, an den Schwiegersohn Wolfes übergegangen. Als  dieser in den 70er Jahren des 19. Jh. nach Hannover verzog, übernahm es der Kaufmann Hermann Abraham Spanier, der aus Rinteln kam, wo er Gemeindeältester gewesen war. Er verlegte den Schwerpunkt zunächst auf Bankgeschäfte. Nach seinem Tod wandte sich seine Witwe Ida dann dem Textilhandel zu, und zwar sehr erfolgreich.

Vom Ratskellerwirt Cordemann ist der Satz überliefert: „Das ganze Dorf Welsede wählt antisemitisch, aber das ganze Dorf Welsede kauft bei Spanier!“

 

Inserat i. d. Schaumburger Zeitung v. 22.12.1900

Nach dem Tod von Ida Spanier übernahm keiner der Söhne das Geschäft. Beide Zwillingsbrüder wurden sechs Jahre später hier neben ihrer Mutter begraben. Sie starben im selben Jahr, angeblich durch Freitod.

Ein in Berlin lebender Schwager namens Eichelgrün hinterlegte in der Stadtsparkasse Hessisch Oldendorf ein kleines Sitftungsvermögen mit der Bestimmung, dass aus den Erträgen die Gräber der Familie Spanier „aufs Beste mit Blumen“ geschmückt und gepflegt werden und die Überschüsse den Oldendorfer Armen zu gute kommen sollten.

Aus den Akten geht hervor, dass auch Hermann Abraham Spanier hier irgendwo sein Grab hat (vielleicht C12 oder C9), das zu Beginn der 30er Jahre noch einen Stein besaß.

Der Auftrag mit dem Blumenschmuck zeigt, dass die Oldendorfer Juden nicht der orthodoxen Glaubensrichtung angehörten, die auf Gräbern keinerlei Schmuck erlaubt.

Nach der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 hat der Bürgermeister Blancke bei der Gärtnerei Hennecke den Auftrag zur Pflege der Spanier-Gräber widerrufen.

 

Grab C1:

Hermann u. Charlotte Löwenstein,

gestorben 1927 bzw. 1934.

MIt dem jüdischen Vornamen „Hertz“ war Löwenstein im Jahre 1888 aus Steinbergen bei Rinteln zugezogen und als national gesinnter Mann sofort in den hiesigen Kyffhäuserbund eingetreten. Noch fünf weitere Oldendorfer Juden waren Mitglied in diesem vaterländisch-konservativen Verein, der sich hauptsächlich aus Kriegsteilnehmern des Feldzuges 1870/71 zusammensetzte. In der NS-Zeit wurden sie natürlich allesamt ausgeschlossen.

Hermann Löwensteins Söhne Adolf und Julius übernahmen das Viehhandelsgeschäft des Vaters und führten die Familie wirtschaftlich an die Spitze der jüdischen Gemeinde. Folgerichtig erhielt Julius Löwenstein den jüdischen Gemeindevorsitz. Aber er war in der heimischen Geschäftswelt so gut integriert und religiös so liberal, dass er an den Schlachtefesten seiner christlichen Bekannten teilnahm und dabei selbstverständlich Schweinefleisch aß.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges richteten die Löwensteins vor ihrem Haus an der Langen Straße eine vaterländische Feier aus. Ein Foto zeigt das Haus im Fahnenschmuck und Soldaten an einer gedeckten Kaffeetafel.

1914: Voll integriert im nationalen Hochgefühl.

Julius Löwenstein nimmt, wie fünf weitere jüdische Männer, am Krieg teil und wird anschließend Ortsvorsitzender des „Reichsbundes Jüdischer Frontsoldaten“. Die jährliche Versammlung findet im Ratskeller statt.

Bruder Ludwig Löwenstein erhält 1917 das Eiserne Kreuz. 

(Heimatgrüße aus der Grafschaft Schaumburg Nr. 23/1917, S. 11 f.)

 

1931 inmitten seiner Kegelbrüder, allesamt Oldendorfer Geschäftsleute:

Julius Löwenstein, vorn, 2. von rechts.

Beim Heumachen 1935. In Weiß: Hedwig Löwenstein, daneben Sohn Max.

Die nationale Einstellung der Löwensteins und ihr gesellschaftliches Ansehen bewahren sie natürlich nicht vor dem Rassenwahn der Nationalsozialisten, sondern machen sie wahrscheinlich erst recht zur Zielscheibe wütender Angriffe. 

Im Jahr 1935 starten der Kreispropagandaleiter Koch und der Oldendorfer Sparkassenbeamte Rügge eine Hetzkampagne und behaupten, im Hause Löwenstein sei ein nichtjüdisches Mädchen vergewaltigt worden. Hetzplakate werden geklebt, eine Kundgebung auf dem Marktplatz wird veranstaltet und das Haus der Löwensteins angegriffen. Diese verlassen für einige Wochen die Stadt, um nicht gelyncht zu werden. Nur in der Kirchenchronik von Pastor Korff findet sich die Eintragung, dass die Aussagen des betroffenen Mädchens erlogen waren und das Untersuchungsverfahren eingestellt wurde.

Dieser Handzettel wurde bis nach Minden verbreitet.

(Abbildung: Ev. Kirchengemeinde Hess. Oldendorf, Kirchenchronik)

In der Reichspogromnacht am 9. November 1938 war das Löwensteinsche Haus wieder ein Hauptschauplatz der Ausschreitungen. SS-Leute in Zivil und verhetzter Pöbel schreien herum, mit Stöcken werden Fensterscheiben eingeschlagen, man dringt gewaltsam ins Haus ein und entwendet Radios, Uhren und andere Wertsachen, verprügelt Adolf Löwenstein und zerrt die Hausherrin an den Haaren über das Straßenpflaster. Als die alte Frau Löwenstein einen Herzanfall erleidet und nach einem Arzt gerufen wird, schreien weibliche Volksgenossen, sie brauche nur einen Tierarzt und solle "verrecken".

Dieses Ereignis ist der letzte Auslöser: Löwensteins verkaufen ihr Eigentum und flüchten 1939 in die USA. Es ist sicher der relative Wohlstand der Familie Löwenstein, der es ihr ermöglicht, sich als einzige Oldendorfer Judenfamilie vollständig vor der Shoa zu retten.

Als im Jahre 1988 an der Stelle des alten Judenfriedhofes am Nordwall ein Gedenkstein eingeweiht wird, besucht der jüngste Sohn, Hermann-Otto, noch einmal seine ehemalige Heimatstadt.

 

 

Grab D4 gehört

Jettchen Blumenthal,

gestorben 1934. 

Hier sind wir bei den wirtschaftlich etwas „Kleineren Leuten“. Jettchen war die Ehefrau von Ferdinand Blumenthal. Auch er war ein Enkel des Baruch Blumenthal (A4) und verdiente seinen Lebensunterhalt als Ziegenbock-Halter und Ziegenschlachter. Das war eine wichtige Funktion in der Stadt, denn es gab viele Ziegenhalter, ja sogar einen Ziegenzuchtverein.

Seine Grabhälfte ist leer, aber er war wohl kein NS-Opfer, sondern soll 1939 in einem Krankenhaus in Hannover gestorben sein.

So entging er dem Schicksal seines (vermutlichen) Bruders Louis.

 

 

 

 

Haus des Metzgermeisters Simon Blumenthal (Sohn von Baruch Blumenthal), 2. Hälfte 19 . Jh.

Danach Wohnhaus seines Sohnes Louis Blumenthal mit Familie.

 

(Copyright: Bildarchiv Foto Marburg)

 

 

 

 

 

 

Schaumburger Zeitung, 24.01.1920

(Schreibweise des Vornamens sonst überall: Louis.)

Louis Blumenthal handelte mit Fell, Altwaren und Altmetallen. Auch er war als ehemaliger Weltkriegsteilnehmer Mitglied im örtlichen Kyffhäuserbund, außerdem in der Freiwilligen Feuerwehr. Eine Zeitzeugin:

"Wenn Schützenfest war in Oldendorf ... und wenn die dann zurück kamen vom Schützenplatz, etwas angetrunken, dann brachten sie ihn immer in einer Karre. Also die Juden gehörten alle mit dazu."

Über die jüngste Tochter Martha:

"Die kleine Martha saß immer unten am Fenster und malte. Und wenn ich da rein ging in die große Diele, da standen wunderschöne alte Schränke mit Schnitzwerk, die hatte Martha bunt bemalt." 

1942 wurde Louis Blumenthal mit Frau Jenny und Tochter Martha zum Bahnhof abgeführt und über Hannover nach Polen deportiert. Eine andere Zeitzeugin:

"Eines Morgens um sieben, als ich nach Rinteln fuhr, habe ich gesehen, wie Louis Blumenthal mit Frau und Tochter abgeholt wurde. Da hab ich gedacht: Die armen, wo die wohl bleiben. Sie wurden zum Bahnhof gebracht, von einem Polizisten. Alles, was sie noch hatten, hatten sie sich angezogen. Was sie tragen konnten, hatten sie an und um, weil sie ja nicht wussten, wohin sie kamen."