Hessisch Oldendorf

Die Gedenkfeiern 1883 und 1933 für die

Schlacht bei Hessisch Oldendorf 1633

Am Barksener Weg, gegenüber der Stadthalle, steht dieser Obelisk. Er wurde eingeweiht am 24. Juni 1883 aus Anlass des 250. Jahrestages der „Schlacht bei Oldendorf“ von 1633, in der durch den Sieg Braunschweig-Lüneburgischer, hessischer und schwedischer Truppen über die kaiserlichen Gegner der Protestantismus in Norddeutschland gesichert wurde.

Gedenkfeiern 1883. Ausdruck vaterländischen Zeitgeistes

Schon 1783 soll in einem Festgottesdienst der Schlacht gedacht worden sein.1  

Nun ging die Initiative von dem 1874 gegründeten2 Kriegerverein aus, der im November 1882 auf einer Sitzung „zur Vorbereitung einer im Juni 1883 abzuhaltenden Feier eines Bezirks-Kriegerfestes in Verbindung mit der Einweihung eines Schlachten-Denkmals und mit dem Bürger-Schützenfest“ ein Festkomitee bildete. Im Protokoll der Versammlung finden wir auch die Unterschriften der beiden jüdischen Kaufleute Hermann Adolf Spanier und Max Blumenthal - ein Beweis ihrer Integration in das Vereinsleben der Bürgerschaft .3 

 

Ursprünglich wollte man einen großen Findling am Barksener Weg benutzen und umgestalten. Der Stadtrat wandte sich an den Eigentümer des Grundstückes, den Freiherrn von Münchhausen in Braunschweig, berichtete ihm von dem Plan, zum 250. Jahrestag der Schlacht „aus einem dort lagernden Zeugen jenes Ereignisses, einem colossalen Kieselstein, ein der Nachwelt bleibendes Denkmal zu gestalten und am Tage der Gedenkfeier, den 28. Juni kommenden Jahres einzuweihen“, und bat ihn, den 20 x 20m großen Platz, „landwirtschaftlich fast nutzlos“, der Stadt „zur bleibenden Benutzung geneigtest einräumen und dies in geeigneter Weise beurkunden zu wollen.“ Von Münchhausen aber antwortete hinhaltend und wollte  seine Entscheidung erst „in der wärmeren Jahreszeit“ fällen, weshalb dieser Plan offensichtlich fallen gelassen wurde.4 (Der Stein ist nicht mehr auffindbar, es handelt sich aber nicht um den Findling, der nach einer Versetzung als Naturdenkmal ND-HM 205 auf dem Hof Söhlke in Barksen liegt.)

 

Stattdessen beauftragte die Stadt den ansässigen Steinhauermeister Carl Nedderhut, „ein Denkmal aus bestem untadelhaftem Mehler Sandstein“ zu schaffen. Da er dazu eine Zeichnung „leihweise“ erhielt, die „Eigentum des Bürgermeisters“ blieb, ist davon auszugehen, dass ihm der Entwurf vorgegeben wurde. Er hatte nacheinander Mittelstück, Unterbau und Oberteil zu bestimmten Fristen fertig zu stellen, das letzte bis zum 10. Mai, und bekam dafür 300, 200 und 250 Mark zugesichert.5 

 

Die im Festausschuss federführenden Lederfabrikanten Carl und Louis Wehrhahn hatten einen Bruder in Hannover, den Stadtschulrat Dr. Albert Wehrhahn6 (später ein Wegbereiter des Sonderschul-Wesens in Preußen7), der bereits 1875 die Schrift „Hessisch Oldendorf und seine Schlachtfelder“8veröffentlicht hatte. Dieser verfasste nun eine 16-seitige Festsschrift9 mit einer ausführlichen Beschreibung des Schlachtengeschehens, von der 1500 Exemplare gedruckt wurden. Die Kosten von 177 Mark10 rentierten sich so vorzüglich, dass das Denkmal, wie sich der Autor später stolz erinnert, „hauptsächlich aus dem Erlös der Festschrift 1883 errichtet wurde“.11 

 

 

 

 

 

Der in Oldendorf gebürtige Dr. Albert Wehrhahn, Stadtschulrat in Hannover, verfasste die Festschrift.

(Quelle: StadtA Hannover, 1.HR.02.1 Nr. 1310 – Foto: Alexander Möhlen. ca. 1910)

Das Gefühl nationaler Erhebung und Bedeutung, das die Verantwortlichen mit dieser Schrift und der ganzen Veranstaltung verbanden, war groß. Sie annoncierten in verschiedenen Zeitungen ein „Nationalfest in Hessisch Oldendorf“, und Louis Wehrhahn übersandte ergebenst Mitteilungen und Exemplare der Festschrift seines Bruders sogar an den Reichskanzler Fürst Bismarck sowie an Seine Kaiserliche und Königliche Hoheit den Kronprinzen und den Fürsten zu Schaumburg-Lippe – und empfing dafür „verbindlichen Dank“, „HöchstSeinen verbindlichen Dank“ und von letzterem „zur Deckung der Festkosten eine ansehnliche Geldspende“.12

 

 

 

 

 

21. Mai 1883:

Fürst Bismarck lässt sich bei Fabrikant Wehrhahn bedanken.

(Quelle: NLA Bückeburg)

 

 

 

 

Schaumburger Zeitung v. 15. Juni 1883

 

Das Festprogramm erstreckte sich über fünf Tage:

 


 

Sonnabend, 23. Juni: Abends 6 ¼ u. 8 ¾ Uhr Empfang der auswärtigen Gäste am Bahnhofe, Zapfenstreich mit Fackelzug durch die Stadt. Nachher Commers im Festzelte.

Sonntag, 24. Juni: Morgens 5 Uhr Reveille. 8 Uhr u. 8 ½ Uhr Empfang auswärtiger Gäste am Bahnhofe.  9 ½ Uhr Festgottesdienst in hiesiger Kirche. 

11 bis Nachm. 1/2 1 Uhr Kriegertag im Festzelte.

Nachmittags 1 Uhr Festessen daselbst.

3 Uhr Versammlung auf dem Marktplatze, Festzug durch die Stadt nach dem Festplatze. Festrede und Enthüllung des Denkmals.

Abends 7 ½ Uhr  Ball, gegen 9 ½ Uhr Feuerwerk.

Montag, 25. Juni: Morgens 9 Uhr Ausmarsch der Bürgerschützen und sonstigen Festgenossen. Frühstück im Festzelte.

Nachmittags von 1 Uhr ab Königsschießen der hiesigen Bürger. Währenddem Concert, Kinderbelustigungen. Abends Ball.

Dienstag, 26. Juni: Morgens 9 Uhr. In Gemeinschaft mit den auswärtigen Festteilnehmern Fahrt nach dem Hohenstein (mit Musik).

Sonntag, 1. Juli: (Nachfeier des Schützenfestes)

Nachmittags 3 Uhr Ausmarsch. Preisschießen des Schützenvereins. Concert.

Abends Ball.13 

 


 

Nimmt man die abgebildete Zeitungsannonce zum Maßstab, so stand das „Kriegerfest“ im Mittelpunkt, und das Denkmal war sein Anhängsel. Drei der sieben Reden aber kamen vom Mann der Kirche. Pastor Meyer hielt die Festpredigt, eine Rede am Kriegerdenkmal von 70/71 und eine bei der Enthüllung des Schlachtendenkmals. Hierbei bedauerte er, dass in katholischen Zeitungsartikeln den Oldendorfern vorgeworfen würde, „sie wollten die alten Wunden wieder öffnen und durch das Denkmal Zwiespalt und Haß unter die Religionsparteien bringen, was er aber entschieden widerlegte mit dem Worte des Apostels: ‚Seid mitleidig, brüderlich, barmherzig, freundlich gegen Jedermann‘.“

Das wurde umgehend konterkariert durch den Reichstagsabgeordneten Dr. Schläger, der von einer großen Gefahr für die evangelische Kirche sprach, „da die katholische Kirche Schritt für Schritt weiter vordringe in die evangelische, […] wogegen entschieden Front gemacht werden müßte.“ 

Mangels Katholiken am Ort hat das der Feststimmung keinen Abbruch getan, und eindrucksvoller war gewiss das bengalische Feuer, mit dem nicht nur der Festplatz, sondern sogar der Hohenstein „prächtig erleuchtet“ war.14

Die Einnahmen von 2112 Mark deckten nahezu die Ausgaben von 2159 Mark; das Denkmal hatte am Ende 848 Mark gekostet.15 Der Ehrengast Dr. Albert Wehrhahn erinnert sich in seiner erwähnten Autobiografie: „Es war eine erhebende Feier, und ich kann nur wünschen, dass 1933 die 300jährige Feier ebenso verlaufen möge.“

 

Dieses Wappen soll für Schweden stehen. Es ist jedoch anachronistisch, denn es vereint die Insignien der Königreiche Schweden (drei Kronen) und Norwegen (Löwe mit Axt) und galt für die Schwedisch-Norwegische Union, die von 1814 bis 1905 bestand, nicht jedoch in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. 

1933. Instrument nationalsozialistischer Ideologie

Die schon 1883 sichtbar gewordene Verbindung religiöser und nationaler Gefühle wurde nun der braunen Weltanschauung dienstbar gemacht. Dazu verknüpfte man die beiden angeblichen Bedeutungen der Schlacht (Rettung der Heimat und Rettung des Glaubens) mit der Machtergreifung der Nazis 1933 als angeblich erneuter „Rettung“ des Landes. 

 

Das von Pastor Korff verfasste Festspiel trug den Titel „Gott mit uns, 1633 – 1933“. (Kölling verkürzt später in seiner Chronik von 1956 den wahren Titel, indem er einfach die Jahreszahlen weglässt.16)

Im Spiel wird betont, es sei in der Schlacht „um Freiheit und um Glaube“ gegangen17, aber „Freiheit“ brachte sie nicht, denn „leider waren die Folgen jenes Sieges der Protestanten für Oldendorf keine glücklichen. Die kaiserlichen Truppen mußten sich freilich zurückziehen, aber dafür kamen die Schweden, welche sich nicht viel besser benahmen und weiter contribuirten. […] Im Jahre 1635 scheuten sich die Schweden nicht, die protestantischen Bewohner der Grafschaft, ihre Parteigenossen, auszuplündern, was sie von nun an auch öfter thaten.“18 Und der im Festspiel umjubelte Herzog von Braunschweig-Lüneburg wechselte schon 1636 die Seiten und wurde vom „Retter“ des Landes zu seinem Unterdrücker.19 In dieser Hinsicht gab es also am Ausgang der Schlacht gar nichts zu feiern. 

Im Eröffnungsgottesdienst am 25. Juni predigt Pastor Korff über die beiden Werte "Liebe zur Heimat“ und „Glaube“. Zunächst spinnt er den Faden von der Heimat über das Vaterland zum Führer: „in unserer Feier ist ein höherer Zweck begründet: die Liebe zur Heimat, zu Volk und Vaterland […] Als wir zu den ersten Vorbereitungen zusammen kamen, waren wir uns einig darüber, daß die Feier im Zeichen der nationalen Erhebung unseres Volkes stehen müsse. Wir gedenken des Mannes, der das deutsche Volksbewußtsein von neuem belebt, der das Wort gesagt hat: Du bist nichts, dein Volk ist alles. […] heute ist unser Volk erwacht, einig in allen seinen Stämmen, geleitet von einer starken Hand. Dafür wollen wir Gott von Herzen danken.“ 

Danach lobt er die Sieger von 1633 als „bewusste evangelische Männer“ mit ihrer Überzeugung: „Unser Glaube ist unser Sieg.“ Damit leitet er über zur Verschmelzung von religiösem Glauben und kiegerischem Geist: „Wieder steht eine Welt gegen uns, draußen jenseits der Grenzen und in uns selbst. Sie gilt es zu überwinden. Wie können wir es? Jesus Christus, gestern und heute und auch in Ewigkeit. Unter seiner Fahne wollen wir kämpfen gegen Eigennutz und Trägheit, gegen Zuchtlosigkeit und Lüge, gegen Uneinigkeit und Hadersucht […] dann werden wir stark nach außen und gegen alles, was gegen uns sich stellen will. Dann werden wir siegen, zum Heil unseres deutschen Volkes, zur Ehre unseres Gottes.“20 

(Dass Korff kein Anhänger der Nationalsozialisten war, beweisen seine Eintragungen in der Kirchenchronik über die antijüdischen Ausschreitungen 1935.21

Das erfundene Gründungsjahr

Die Verbindung „1633 – 1933“ wurde in Hessisch Oldendorf durch ein spezielles Element ergänzt: die angebliche Stadtgründung im Jahre 1233. Der Urheber dieser Manipulation ist unbekannt. Niemals zuvor war dieses Gründungsjahr behauptet worden. Und doch wird am zweiten Tag der Festwoche „das 700jährige Stadtjubiläum in einem großen Volksfest begangen“.22 In der bis dato einzigen Stadtgeschichte Oldendorfs (s.o.) hatte Wehrhahn 1875 eine Urkunde angeführt, die für Stadtrechte vor 1249 sprechen soll (leider ohne Nachweis).23 Wagenführer nennt in seiner „Heimatkunde“ von 1921 das Jahr 1336 (14. Jh.!) als Jahr der Stadterhebung24 (ebenfalls ohne Nachweis), und Kölling führt 1956 in seiner Chronik mehrere Urkunden an, die ihn zu dem Schluss veranlassen: „Wir können also mit Sicherheit die Gründung von Oldendorf in das zweite Viertel des 13. Jahrhunderts verlegen.“25 Eine immerhin plausible Zuordnung. 

Wer damals im Jahre 1933 die Zahl „1233“ aus der Luft gegriffen hat, wissen wir nicht. Klar ist aber, wer an dem beinahe mythischen Dreiklang „1233 – 1633 – 1933“ interessiert gewesen sein muss: die Nationalsozialisten. Und ebenso, dass nur Lokalhistoriker, also „Heimatforscher“ dies aus eigenem Antrieb erfunden oder auf Verlangen der neuen Herren konstruiert haben können. 

Neben Pastor Korff war Friedrich Kölling aktiver Heimatforscher bei Vorbereitung und Durchführung der Gedenktage. Er verfasste dazu eine neue Festschrift: „Die Schlacht  bei Hessisch Oldendorf am 28. Juni 1633. Festschrift zur 300 Jahrfeier. Mit einleitenden Bemerkungen zu den politischen und militärischen Zuständen der Zeit. Im Auftrage der Festleitung verfaßt von Fr. Kölling, Lehrer“.26 

1956 zitiert er diese, seine eigene Schrift, und zwar mit  dem Erscheinungsjahr „1933“. Helmut Otto jedoch nennt in seiner Chronik von 198327 nur die spätere Rintelner Auflage von 1959, die keinen Bezug mehr zu 1933 hat. Das passt dazu, dass er die Festwoche von 1933 überhaupt nicht erwähnt. Otto schreibt seine Chronik 1983 „ganz im Geiste des großen Heimatforschers“ und hat sie auch „Friedrich Kölling – in memoriam – gewidmet.“28 Dennoch geht er, ohne neues Material zu haben, über dessen ungefähre Einordnung der Stadtgründung hinaus und behauptet: „Das angenommene Jahr 1233 dürfte nach den oben erwähnten Urkunden das wirkliche Gründungsjahr ziemlich richtig treffen.“29 Diese Aussage ist historisch haltlos, aber nach dem Gesagten zeitgeschichtlich gut erklärbar. 

Der „Kommunalpolitische Amtswalter der NSDAP“, Kaufmann Marcus Peter Jenner, unternimmt es im Vorfeld der Festwoche, dem Bürgermeister Dr. Blancke exakte Vorgaben für deren Durchführung zu diktieren. Er übergibt ein handgeschriebenes Papier, von dem Blancke eine Abschrift anfertigen lässt.30 Jenner fordert den Bürgermeister auf, 

 mit mir zusammen nachfolgende Ausführungen für das Fest anzuordnen.

1. Die Stadt ist Festgeberin auf rein nationalsozialistischer Grundlage. […] 

4. […] werden eingeladen alle NSDAP Ortsgruppen¸ SS des Kreises Rinteln und Bückeburg mit der Bitte, im braunen Ehrenkleid zahlreich zu erscheinen […] 

5. Den Festordnungsdienst und die Führung des Festzuges […] übernimmt unsere SS Truppe für alle Tage des Festes. Die Stadt hat für die Verpflegung der SS Sorge zu tragen. […] 

6. Das Fest wird durch Herrn Bürgermeister Dr. Blancke eröffnet und übergibt derselbe unserm Pg. Diekmann das Wort zur Festrede. Pg. Diekmann hat uns bewiesen, daß er ein Talent dazu besitzt. […] spricht unser Kreisleiter Ptg. Reineking das Schlußwort mit einem Siegheil auf unser Deutschland, auf unseren Führer und anschließend spielt die Musik mit gemeinsamem Gesang des Deutschlandlied und das Horst Wessellied. 

7. Die Musik wird [an allen Tagen] von unserer Standartenkapelle Rinteln gegen eine Entschädigung von 9 Mark a Mann und pro Tag bei freier Verpflegung und, soweit erforderlich, freier Fahrt, gestellt.[…] 

9. […] Auf keinen Fall kann weiter geduldet werden, daß einzelne […] deutsche Volksgenossen Unterzeichnungen vornehmen, die jeden, […] als vollständig Regierungsgegnerisch bekannt sein müssen und ganz besonders dürfen solche Beschimpfungen unsers Ehrenkleides nicht mehr vorkommen. Der Betreffende, der diese Beschimpfungen ausgesprochen hat, ist uns bekannt. […] jeder Einzelne, der sich im Gegensatz stellt zu diesen Nationalsozialistischen Richtlinien, die auch für unser Fest gelten müssen, stellt bestätigt seine Gegnerschaft und damit seine Einstellung gegen unsere heutige Regierung. […] 

Heil Hitler! 

gez. M.P. Jenner 

Kommunal Politischer Amtswalter der N.S.D.A.P. 

Persönlich überreicht! 

 

Bei aller unfreiwilligen Komik in diesem ungeschickten Papier, das ein kleiner, aber fanatischer Nazi31 am 11. Mai 1933 in einer kleinen Stadt schreibt, spiegelt es doch die Entwicklung, die in ganz Deutschland abläuft: Noch versuchen Einzelne, sich der Gleichschaltung zu entziehen, aber die Nazis sind dabei, ihren Anspruch auf die totale Übernahme von Staat und Gesellschaft rigoros durchzusetzen. Reichstagsbrandverordnung und Ermächtigungsgesetz sind in Kraft, das KZ Dachau ist in Betrieb, auch in Hessisch Oldendorf waren schon Menschen in „Schutzhaft“ genommen worden.32 Angst und Terror  haben längst Einzug gehalten.

 

 

25.06.1933

Aufstellung des Festzuges

am Marktplatz.

(Quelle: NLA Bückeburg)

Das Festprogramm erstreckt sich diesmal sogar über sieben Tage, vom 25. Juni bis zum 2. Juli. 

Erster Höhepunkt nach dem Feldgottesdienst ist das von Pfarrer Korff verfasste Festspiel auf dem Kirchplatz. Das Historiendrama in vier Bildern endet mit Chorälen. Der vorletzte ist das „Niederländische Dankgebet“ (Wach auf, wach auf, du deutsches Land), das 1945 am Ende des Durchhaltefilms „Kolberg“ stehen wird. 

Bemerkenswert ist eine Änderung in Korffs handschriftlichem Konzept. Am Schluss streicht er das Lied „Verleih uns Frieden gnädiglich“ von Luther und ersetzt es durch „Kattiofsky: Deutschland, wache auf!“34 So endet das Spiel zeitgemäß kämpferisch: 

 

Deutschland, wach auf! Laß deinem Adler den Lauf! 

Über die Berg, die Ströme und Hügel schwinge der Adler die mächtigen Flügel, 

Gott ist dein König, er zieht dir voran, Morgen bricht an! … 

 

Am Nachmittag durchzieht ein Festzug aus 60 Gruppen, Wagen und Kapellen dreimal die mit Hakenkreuzen beflaggte Stadt. Zwischen der bunten, historisierenden Folklore zeigen 12 (!) Kriegervereine ihre Präsenz: Bensen, Fischbeck, Fuhlen, Großenwieden, Hemeringen, Langenfeld, Oldendorf, Rinteln,  Rumbeck, Schaumburg, Segelhorst und Süntel – und natürlich immer wieder die „Ehrenkleidträger“ der neuen Zeit: „über 200 Mann stark […] die braunen Kämpfer des Dritten Reiches “, „Die SA aus Oldendorf“, „der SA-Sturm Fischbeck“, „die SS-Spitze“,  die Amtswalter der NSDAP“, „die BDM-Gruppen aus Rinteln, Hess. Oldendorf und Rehren“, „die Hitlerjugend und das Deutsche Jungvolk aus Hess. Oldendorf und Umgebung“. 

Um die Teilnahme einer schwedischen Militärabordnung hatte man sich erfolglos bemüht, aber eine „Ehrenkompanie der Reichswehr“ brilliert mit Traditionsfahnen und Stechschritt. (Das Foto zeigt zwar nur 14 Mann, also keine „Kompanie“, ist aber stolz kommentiert: „Die Fahne II/80 war auf der Kaiserkrönung am 18.1.1870 in Versailles.“) 

Sogar der Rundfunk macht eine Aufnahme, in der ein Reporter vom festlichen Geschehen berichtet und Friedrich Kölling den Schlachtenverlauf referiert. 35


 

 

Friedrich Kölling

am Mikrofon des Westdeutschen Rundfunks

(Quelle: NLA Bückeburg)

Die Feier am Schlachtendenkmal wird eingeleitet „durch Massenchor und Orchester unter Leitung von Lehrer Otto“ (Vater Helmut Ottos). Sie bringen das „Heimatgebet“ von Hugo Kaun zu Gehör. Es beginnt mit den Worten 

Das Land meiner Väter, in dem ich geboren 

Mein Deutschland behüte, allmächtiger Gott! 

Der Text stammt von Ernst Krenge, langjähriger Pastor in Ottenstein. Der Chronist eines deutschen Gesangvereines merkt dazu an: „Manch schöne Melodie wird nach einem ziemlich dümmlichen Text gesungen.“36 

Jetzt sind wir alle gleichgeschalt'

Vor der Hauptrede trägt die Gattin des Schlossers Amelung „zur Erinnerung an den Tag der 700jährigen Stadtgründungsfeier“ ein eigenes Gedicht vor, in dem sie auf rührende Weise die Gleichschaltung als Überwindung jahrhunderterlanger Klassenunterschiede preist37

 

[…] Daneben gab es all die andern Klassen, 

Wie das so immer war auf dieser Erden 

Es gab viel Freuden, Aerger und auch Hassen, 

Der Führer sagt, das soll doch anders werden! 

Und seit dem letzten ersten Mai 

Da ist das alles schon vorbei. 

Jetzt sind wir alle gleichgeschalt,

ob arm und reich, ob jung und alt.[…]

 

 

 

Im Festumzug: Oldendorfs "SS-Spitze"

(Quelle: NLA Bückeburg)

 

Der im Anschluss sprechende Landrat Dr. Moewes „verglich die Wendung zum Guten, die Deutschlands Schicksal jetzt genommen hat, mit der Schicksalswende für die protestantische Grafschaft nach dem 28. Juni 1633“. Als könne es nicht oft genug gesagt werden. 

Die eigentliche Festrede hält dann nicht - wie von Amtswalter Jenner ursprünglich gewünscht (s.o.) – der Parteigenosse Diekmann, sondern ein Oberstleutnant der Reichswehr. (Sattlermeister Diekmann durfte dafür den Herzog von Braunschweig-Lüneburg darstellen.) Der Kern der Rede demonstriert nochmals, wer die Deutungshoheit über die Historie besitzt und Herr dieser Feier ist: die Nationalsozialisten. 

Nach dem heldischen Kriege von 1914-18 und der Zeit des Schreckens, da die finsteren Mächte des Marxismus und Pazifismus herrschten, da der Kampf aller gegen alle das deutsche Volk zerriß wie im Dreißigjährigen Kriege, da der asiatische Bolschewismus vor der Türe stand, ist uns wieder, wie im 1., 9. und im 17. Jahrhundert ein Retter erstanden in Adolf Hitler, der kommen mußte, weil Gott nicht wollte, daß Deutschland zugrunde ging. […] nun wird Adolf Hitler Deutschland zum Siege führen.

Dann: Erste Strophe des Deutschlandliedes – Lied vom guten Kameraden – Niederländisches Dankgebet. 

Es folgt der Kreisleiter mit einer „kernigen Weiherede“,

in der er die Parteigenossen ermahnte, dem Hakenkreuzbanner die Treue zu halten, allezeit Träger des revolutionären Gedankens zu bleiben und dafür zu sorgen, daß die nationalsozialistische Revolution nicht verflacht und verfälscht werde.

Dann: Übergabe von „Feldzeichen“ an Hitlerjugend und NSDAP-Ortsgruppe –  Horst-Wessel-Lied – dreifaches „Siegheil auf Adolf Hitler und Deutschland“.

Vom dritten Höhepunkt der Festwoche, der Stadtgründungsfeier am 26. Juni, wird weniger berichtet. Nach erneutem Umzug, unter der unvermeidlichen Führung der „Standartenkapelle“, nehmen „Wehrverbände“, Vereine und Bevölkerung auf dem Marktplatz Aufstellung, um einer Ansprache von Bürgermeister Dr. Blancke zu lauschen. Seine Rede besitzt offenbar nicht dieselbe Einfärbung wie die vorerwähnten. Er gibt lediglich „ein zusammenfassendes Bild der wechselvollen Geschichte der Stadt und schloß mit einem begeistert aufgenommenen Hoch auf die Zukunft Hessisch Oldendorfs.“ 

Auf großen Beifall trifft auch seine Bekanntmachung, dass Dr. Wehrhahn, der die Festschrift 1883 verfasst hatte und als Ehrengast der Gedenkfeier des Vortages beigewohnt hatte, zum Ehrenbürger der Stadt ernannt worden ist.38 39

„Tadellos organisiert und wohlgelungen“ lautet das Urteil der Schaumburger Zeitung über das Fest.

 

 

Reichswehr-Abordnung 

mit Traditionsfahnen

(Quelle: NLA Bückeburg)

Aus geschichtlicher Perspektive war es ein Propaganda-Spektakel, in dem „Heimatliebe“ als Lockmittel missbraucht wurde. Liebe zur Heimat – und wer wollte die von sich weisen? –  ließ sich leicht in Patriotismus und Nationalismus umformen. Über die Gefühlskette: Heimat – Vaterland – Volk – Volkstum kam man zur Ideologie von „Blut und Boden“ - und schließlich zu der Forderung „volksfremdes Wesen hinweg zu räumen“.40 

„Heimatforscher“ haben dabei geholfen, und die Kirchen haben ihren Segen gegeben. 

1) Schaumburger Zeitung, 172./65. Jg., Nr. 146. Rinteln 26.06.1933 

2) Friedrich Kölling: Hess. Oldendorf. 700 Jahre Entwicklung einer niedersächsischen Kleinstadt. Rinteln 1956, S. 103 

3) NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3982

4) ebd.

5) ebd.

6) Friedrich Kölling aaO., S. 94

7) Th. Korff: „Dr. Albert Wehrhahn zum 90. Geburtstag“ in: Heimatblätter, 18. Jg., Nr. 31. Rinteln 1938.

In neuerer Zeit:

Hänsel/Schwager: Die Sonderschule als Armenschule. Bern, Berlin etc. 2004, S.174, 288, 317. Dagmar Hänsel: Die NS-Zeit als Gewinn für Hilfsschullehrer. Bad Heilbrunn 2006, S. 125

8) Rinteln 1875. Digitalisiert: http://archive.org/details/zeitschrift21landgoog 

9) Festschrift zu der am 28. Juni 1883 in Oldendorf stattfindenden 250jährigen Gedächtnisfeier der Schlacht bei Hessisch Oldendorf von Dr. A. Wehrhahn. Hannover 1883; auch: NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3688, 3689, 3690, 3691

10) NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 2424

11) Aus seiner Autobiografie, zit. nach: „Ein alter Schaumburger. Stadtschulrat Dr. Wehrhahn“ in: Heimatblätter, Jg. 1929, Nr. 25. Rinteln 1929

12) NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 2424 u. Schaumburger Zeitung, Rinteln, 15.06.1883

13)NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3982

14) Schaumburger Zeitung, Rinteln, 26.06.1883

15) NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 2424

16) aaO., S. 62, Fußnote 6

17) NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3694

18) Wehrhahn, 1875, S. 157

19) F.C.T. Piderit: Geschichte der Grafschaft Schaumburg. Rinteln 1831, S. 128 f.

20) Schaumburger Zeitung, Rinteln 26.06.1933

21) Vgl. den Artikel "Land, Land, Land, höre" auf dieser Webseite sowie:

Erik Hoffmann: Jüdische Nachbarn in Hessisch Oldendorf. Hameln 1998, S. 74 f.

22) Schaumburger Zeitung aaO.

23) Digitale Fassung: http://archive.org/details/zeitschrift21landgoog, S. 141

24) Otto Wagenführer: Heimatkunde des Kreises Grafschaft Schaumburg. 3. Aufl. Rinteln 1921, S. 27

25) Friedrich Kölling aaO., S. 9

26) NLA Bückeburg Dep. 59, Nr. 3692

27) Hessisch Oldendorf 750 Jahre. Eine Festschrift mit Chronik, herausgegeben von der Stadtverwaltung zur 750-Jahr-Feier der Stadt Hessisch Oldendorf. Hameln 1983, S. 33

28) ebd., S. 7

29) ebd., S. 10

30) NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3696

31) nach Aussage der Jüdin Lieselotte Blumenthal in: Erik Hoffmann, aaO., S. 86

32) ebd., S. 68f.

33) entfällt

34) NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3694

35) Schaumburger Zeitung aaO. sowie: NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3697

36) http://de.calameo.com/read/00007532819956cf51308, S. 132f.

37) NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3696

38) Schaumburger Zeitung aaO.

39) Die Hintergründe erschließen sich durch Archivmaterial: Wehrhahn war schwer verstimmt gewesen. Vier Monate vor der Veranstaltungswoche hatte ihn der Bürgermeister schriftlich gebeten, eine neue Festschrift zu entwerfen – in Zusammenarbeit mit Friedrich Kölling, der ihn zu diesem Zweck in Hannover aufsuchen würde. Kölling schrieb ihm in der Folge einmal und kündigte eine Besprechung „für die nächste Zeit“ an. Wehrhahn antwortete, Kölling möge den Auftrag „etwas selbstständig“ ausführen, und lud ihn zu einem „baldigen Hiersein bei mir zu Mittag“ ein. Kölling beantwortete diesen Brief nicht und ließ fünfzehn Wochen lang nichts von sich hören. Inzwischen verfasste er die Festschrift allein. Ende Mai schrieb er an Wehrhahn, entschuldigte sich mit Zeitproblemen, teilte mit, er habe die Festschrift in Druck gegeben, und bot an: „Ein Geleitwort von Ihnen könnte nun noch untergebracht werden. Es ist technisch noch wohl möglich. Vielleicht kann ich Ihnen noch einen Fahnenabzug dieser Tage zum Durchlesen senden.“ Seine „Hoffnung, dass Sie mein Versäumnis entschuldigen“ erfüllte sich nicht. Wehrhahn reagierte empört: „ist es mir ganz unverständlich, wie Sie mich auffordern können, zu der Festschrift, die mir gänzlich unbekannt ist, ein Geleitwort zu schreiben […] Auf den Fahnenabzug, den Sie mir ‘vielleicht noch senden können‘ möchte ich, weil zwecklos, verzichten. Ich bedaure lebhaft, dass so die Absicht des Herrn Bürgermeister Dr. Blancke und des Festausschusses in dieser Frage durch Sie vereitelt worden ist. Ich fühle mich deshalb verpflichtet, dem Herrn Bürgermeister eine Abschrift des Briefes zu senden.“ Man darf vermuten, dass Dr. Blancke sich daraufhin besonders bemühte, den gekränkten Prominenten zu besänftigen – wobei sicher das Angebot der Ehrenbürgerwürde seine Wirkung tat. (NLA Bückeburg Dep 59 Nr. 3696)

40) So Friedrich Kölling, siehe dazu: Erik Hoffmann aaO., S. 72 u. 77

P.S.:  Das angegebene Datum der Schlacht (28. Juni) ist unrichtig. Es wurde offenbar aus den Primärquellen entnommen. Diese verwendeten aber den Julianischen Kalender, der bis zum Jahre 1700 in den protestantischen Ländern des Reiches galt. Seit dem und bis heute gilt der Gregorianische Kalender, und danach fand die Schlacht am 8. Juli statt.