Hessisch Oldendorf

Kalenderblätter 3

Januar 1918: Kartoffeln sparen im 4. Kriegswinter

Rinteln, den 17. Januar 1918

Es lebt sich besser als im vergangenen Jahre! -

das ist eine erfreuliche Tatsache [...]. Vor Jahresfrist saßen wir so hübsch in der Zeit, wo die Steckrübe den Küchenzettel vom Morgen bis zum Abend in ihren verschiedensten Wandlungen beherrschte und wir waren froh um sie [...] Heute haben wir neben reichlicheren Mengen an Gemüsen vor allem die liebe alte, gute Kartoffel, deren reichliche Ernte doppelt wohltuend empfunden wird, weil wir eben die böse Zeit der Steckrüben mitgemacht haben. Ein großer Teil der Bevölkerung [...] ist in der Lage gewesen, sich einen großen Vorrat einkellern zu können. [...] Es wird dabei leicht vergessen, daß man mit der vorhandenen Menge eine recht geraume Zeit auskommen muß. [...] Bedenke man wohl, die schlimmsten Monate stehen uns noch im Frühjahr bevor,  und in wie weit es bei den stets anhaltenden Transportschwierigkeiten möglich sein wird, eine geregelte Zufuhr nach den Städten aufrecht zu erhalten, ist zum Mindesten fraglich. Daher die Mahnung zur Sparsamkeit, namentlich hinsichtlich der Kartoffel. [...]

Schaumburger Zeitung  v. 17.01.1918

Kommentar:

Über den berüchtigten "Steckrübenwinter" 1916/17 kann man sich z.B. im gleichnamigen Wikipedia-Artikel informieren.

Der vorliegende Text aus der Schaumburger Zeitung beeindruckt durch seine geschickte propagandistische Machart.

Was hier in launige Worte verpackt wird, ist ja nichts als eine Warnung vor weiteren Versorgungsproblemen.

Nach einem schrecklichen Hungerwinter mit Steckrüben von morgens bis abends - eine Zeit, die alles andere als "hübsch" war - werden auch in diesem Jahr die Kartoffeln nicht reichen!

Dezember 1887: Züchtigung von Lehrlingen

Rinteln.

 Da es häufig vorkommt, daß Lehrlinge wegen geringer Züchtigung gleich davonlaufen und von den Eltern dann in Schutz genommen werden, so machen wir darauf aufmerksam, daß der Lehrling nach dem 127. Paragraphen der Gewerbeordnung der väterlichen Zucht des Lehrherrn unterworfen ist und das Züchtigungsrecht diesem daher in gleichem Maße wie den Eltern zusteht.


Schaumburger Zeitung / Kreisblatt v. 03.12.1887

November 1897:

Jüdischer Geschäftsmann eröffnet Buslinie zum Bahnhof Rinteln

Schaumburger Zeitung v. 06.11.1897

Achtung.

Dem geehrten Publikum von Rinteln u. Umgegend

die ergebene Mittheilung, daß vom Sonntag, den 7ten

d. Mts. an mein

Omnibus,

vom Marktplatz abfahrend, zu jedem Zuge nach 

dem Bahnhofe fährt, und ersuche ich freundlichst mich

in meinem Unternehmen gütigst unterstützen zu wollen.

Fahrpreis à Person 10 Pfg.

Hochachtungsvoll

Henri Heinemann.


 

 

Einige Tage nach dieser Werbe-Anzeige erschien auch eine redaktionelle Meldung:

Ein Verkehrsmittel für alle (lateinisch "omnibus": "für alle"), das Fahrgäste zum Bahnhof brachte, war in einer Zeit des aufblühenden Eisenbahnverkehrs und der erstarkenden Wirtschaftskraft im neuen Bismarckschen Reich ein willkommenes Angebot.

Im selben Jahr war schon in Stadthagen ein entsprechender Zubringer eingerichtet worden. Wer beim Wort „Omnibus“ falsche Vorstellungen hat, dem zeigt diese Abbildung, was 1897 damit gemeint war: Ein Pferde-Bus!

 

 

 

 

 

 

(www.ruhe-reisen.de)

Die Bezeichnung "Pferdebahn" deutet darauf hin, dass diese auf Schienen fuhr, was bei einem "Omnibus" nicht der Fall war.

Man muss sich den Rintelner Omnibus auch wohl kleiner vorstellen.

Hier ein Pferdeomnibus 1907 vor dem Hauptbahnhof in Hannover.

(akpool.de)

 

Der Pionier des öffentlichen PNV in Rinteln war der jüdische Gastwirt Henri Heinemann.

Wenn er „zu jedem Zuge“ zum Bahnhof fuhr, musste er laut Eisenbahn-Fahrplan täglich zwölfmal fahren (SZ v. 06.01.1898).

 

Im November unterteilte er die Strecke an der „Bünte" in zwei Abschnitte, für die er je 5 Pf. Fahrgeld nahm. (SZ v. 23.11.1897)

 

Bald verlängerte er die Linie nach Süden bis zum Kollegienplatz (damals Standort des Gymnasiums) und bot Fahrten nach Exten und Todenmann an. (SZ v. 04.12.1897)

 

Henri Heinemann war Träger eines jüdischen Namens, der in Rinteln seit dem 16. Jh. auftritt (Kurt Klaus: Rintelns Juden. o.O. 1993, S. 24).

In den 30er Jahren betreibt die Familie in der Bäckerstraße ein beliebtes Schuhgeschäft. 1942 werden sein Sohn, dessen Ehefrau und ihre zwei Kinder Opfer des Holocaust. Er selbst war 1937 mit 73 Jahren gestorben und ruht auf dem jüdischen Friedhof (Klaus, S. 190). 

Auch ihm wurde 2013 ein „Stolperstein“ gewidmet:

 

 

 

 

https://commons.wikimedia.org/wiki/

File:Stolperstein_Rinteln_

Bäckerstraße_53_Henry_Heinemann.jpg

 

Dieser Mann war der erste "Busunternehmer" Rintelns!