Hessisch Oldendorf

Kalenderblätter 2

Juli 1898: Schwerer Unfall beim Bau der Oldendorfer Brücke

In diesen Tagen (Juli 2018) geht der Bau der neuen Weserbrücke Hessisch Oldendorf / Fuhlen seiner Vollendung entgegen. Die Vor-Vorgängerin dieses Bauwerkes war eine Kettenbrücke, die ursprünglich in Hameln die Weser überspannt hatte und dort ab- und bei Hessisch Oldendorf neu aufgebaut wurde. Sie ersetzte eine Fähre. Bei diesem Bau geschah vor 120 Jahren, am 19. Juli 1898, ein Unfall, den die Schaumburger Zeitung am nächsten Tag meldete:

Hess. Oldendorf, 20. Juli. Gestern Abend verunglückte der Maurer Carl Wegener von Segelhorst beim Brückenbau an der Oldendorfer Fähre. Wegener war mit mehreren Arbeitsgenossen beschäftigt, große, schwere Steine auf den Hauptpfeiler zu schaffen. Bei dieser Gelegenheit brach ein Theil des Gerüstes ein, und ein circa 50 Centner schwerer Stein fiel auf Wegener, wodurch derselbe schwere innere Verletzungen erlitt und per Wagen nach seiner Wohnung gebracht werden mußte. Wegener ist früher schon beim Brückenbau in Hameln sowie in Rinteln schwer verletzt worden.

Die Oldendorfer Hängebrücke bestand bis zu ihrer Sprengung durch deutsche Soldaten 1945. Quelle: akpool.de

 

 

 

 

Ausschreibung für die Maurerarbeiten und Materiallieferungen i. d. Schaumburger Zeitung v. 04.09.1897

Über das weitere Schicksal des Maurers Wegener, der mit seinen "schweren inneren Verletzungen" in kein Krankenhaus, sondern bloß "nach seiner Wohnung" gebracht wurde, finden sich keine Meldungen.

Juni 1888: Kaiserliche Kehlkopfkrebs-Zigarette

Am 16. Juni 1888 meldet die Schaumburger Zeitung / Kreisblatt, Rinteln, auf der ersten Seite den Tod  des deutschen Kaisers Friedrich III. Er starb an den Folgen seines gewohnheitsmäßig starken Zigarettenrauchens an Kehlkopfkrebs.

Ohne diesen frühen Tod wäre sein Sohn Wilhelm noch lange nicht auf den Thron gekommen und mit größter Wahrscheinlichkeit wäre die verhängnisvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts anders verlaufen.

Auf der letzten Seite derselben Ausgabe bewirbt eine Rintelner Zigarren-Handlung eine 

Kaiser-Friedrich-Cigarrette“:

Himmelfahrt 1888 auf der Paschenburg: Tanz und patriotische Lieder

Rinteln, 11. Mai.

Wie alljährlich am Himmelfahrtstage, so wurde auch gestern die Saison auf der Paschenburg durch einen sehr zahlreichen Besuch eröffnet. Um den Gästen den Aufenthalt oben erträglicher zu machen, hatte der Wirth den Saal für die verzehrenden Gäste freigehalten, und für die tanzenden Honoratioren ein zweites Zelt im freien aufgeschlagen.

Die Tanzpausen wurden von einer singenden Gesellschaft durch die schönen Lieder „Wer treu gedient hat seine Zeit“, - oder „Siegreich wollen wir Frankreich schlagen“ in wahrhaft rührender Weise ausgefüllt.

Schaumburger Zeitung / Kreisblatt f. d. Grafschaft Schaumburg v. 12.05.1888

Die so genannte Paschenburg im Jahre 1905. "Hier ist es sehr schön!" (Quelle: akpool.de)

März 1878: Das ewige Grüßen und Hutabnehmen

Eingesandt. [Rinteln]

Unsere Stadt beginnt immer mehr ein großstädtisches Gepräge anzunehmen. Gebäude entstehen über Nacht, Vereine schießen wie Pilze aus der Erde, wir haben ein Schlachthaus […]

Nur eine höchst kleinstädtische Mode will nicht weichen, das ewige Grüßen und Hutabnehmen.

Wer bei schönem Wetter des Nachmittags einen Spaziergang über die Brücke und weiter machen und dabei als höflicher Mensch gelten will, der thut wohl, mit dem ersten Schritt aus seiner Wohnung den Hut in die Hand zu nehmen und das Haupt in eine anhaltende nickende Bewegung zu setzen, oder noch besser, er läßt den Hut ganz zu Hause und macht seinen Spaziergang mit angemessen gekrümmtem Körper 

[...] man möchte doch schön bitten, und insbesondere die Damen, die ohnehin durch den modernen Halbschleier nur schwer zu erkennen sind, es nicht als Unhöflichkeit aufzufassen (die jedem Gebildeten fern liegt), wenn Jemand, ohne zu grüßen oder den Hut zu ziehen, vorübergeht.

Einer im Namen Vieler. 

Kreisblatt f. d. Grafschaft Schaumburg v. 06.03.1878

Februar 1888: Wildschweinplage - schon damals (auch ohne Maisfelder)

Rumbeck, 7. Februar. 

Vergangene Woche brach zwischen hier und Heßlingen ein Rudel von 30-40 Wildschweinen aus dem Walde heraus, fiel über 2-3 Morgen Weizenfeld her, dasselbe total umwühlend und verwüstend.

Möchte man doch noch energischer gegen diese Plage vorgehen.

Schaumburger Zeitung  v. 09.02.1888

Januar 1918: Kartoffeln sparen im 4. Kriegswinter

Rinteln, den 17. Januar 1918

Es lebt sich besser als im vergangenen Jahre! -

das ist eine erfreuliche Tatsache [...]. Vor Jahresfrist saßen wir so hübsch in der Zeit, wo die Steckrübe den Küchenzettel vom Morgen bis zum Abend in ihren verschiedensten Wandlungen beherrschte und wir waren froh um sie [...] Heute haben wir neben reichlicheren Mengen an Gemüsen vor allem die liebe alte, gute Kartoffel, deren reichliche Ernte doppelt wohltuend empfunden wird, weil wir eben die böse Zeit der Steckrüben mitgemacht haben. Ein großer Teil der Bevölkerung [...] ist in der Lage gewesen, sich einen großen Vorrat einkellern zu können. [...] Es wird dabei leicht vergessen, daß man mit der vorhandenen Menge eine recht geraume Zeit auskommen muß. [...] Bedenke man wohl, die schlimmsten Monate stehen uns noch im Frühjahr bevor,  und in wie weit es bei den stets anhaltenden Transportschwierigkeiten möglich sein wird, eine geregelte Zufuhr nach den Städten aufrecht zu erhalten, ist zum Mindesten fraglich. Daher die Mahnung zur Sparsamkeit, namentlich hinsichtlich der Kartoffel. [...]

Schaumburger Zeitung  v. 17.01.1918

Kommentar:

Über den berüchtigten "Steckrübenwinter" 1916/17 kann man sich z.B. im gleichnamigen Wikipedia-Artikel informieren.

Der vorliegende Text aus der Schaumburger Zeitung beeindruckt durch seine geschickte propagandistische Machart.

Was hier in launige Worte verpackt wird, ist ja nichts als eine Warnung vor weiteren Versorgungsproblemen.

Nach einem schrecklichen Hungerwinter mit Steckrüben von morgens bis abends - eine Zeit, die alles andere als "hübsch" war - werden auch in diesem Jahr die Kartoffeln nicht reichen!

Dezember 1887: Züchtigung von Lehrlingen

Rinteln.

 Da es häufig vorkommt, daß Lehrlinge wegen geringer Züchtigung gleich davonlaufen und von den Eltern dann in Schutz genommen werden, so machen wir darauf aufmerksam, daß der Lehrling nach dem 127. Paragraphen der Gewerbeordnung der väterlichen Zucht des Lehrherrn unterworfen ist und das Züchtigungsrecht diesem daher in gleichem Maße wie den Eltern zusteht.


Schaumburger Zeitung / Kreisblatt v. 03.12.1887

November 1897:

Jüdischer Geschäftsmann eröffnet Buslinie zum Bahnhof Rinteln

Schaumburger Zeitung v. 06.11.1897

Achtung.

Dem geehrten Publikum von Rinteln u. Umgegend

die ergebene Mittheilung, daß vom Sonntag, den 7ten

d. Mts. an mein

Omnibus,

vom Marktplatz abfahrend, zu jedem Zuge nach 

dem Bahnhofe fährt, und ersuche ich freundlichst mich

in meinem Unternehmen gütigst unterstützen zu wollen.

Fahrpreis à Person 10 Pfg.

Hochachtungsvoll

Henri Heinemann.


 

 

Einige Tage nach dieser Werbe-Anzeige erschien auch eine redaktionelle Meldung:

Ein Verkehrsmittel für alle (lateinisch "omnibus": "für alle"), das Fahrgäste zum Bahnhof brachte, war in einer Zeit des aufblühenden Eisenbahnverkehrs und der erstarkenden Wirtschaftskraft im neuen Bismarckschen Reich ein willkommenes Angebot.

Im selben Jahr war schon in Stadthagen ein entsprechender Zubringer eingerichtet worden. Wer beim Wort „Omnibus“ falsche Vorstellungen hat, dem zeigt diese Abbildung, was 1897 damit gemeint war: Ein Pferde-Bus!

 

 

 

 

 

 

(www.ruhe-reisen.de)

Die Bezeichnung "Pferdebahn" deutet darauf hin, dass diese auf Schienen fuhr, was bei einem "Omnibus" nicht der Fall war.

Man muss sich den Rintelner Omnibus auch wohl kleiner vorstellen.

Hier ein Pferdeomnibus 1907 vor dem Hauptbahnhof in Hannover.

(akpool.de)

 

Der Pionier des öffentlichen PNV in Rinteln war der jüdische Gastwirt Henri Heinemann.

Wenn er „zu jedem Zuge“ zum Bahnhof fuhr, musste er laut Eisenbahn-Fahrplan täglich zwölfmal fahren (SZ v. 06.01.1898).

 

Im November unterteilte er die Strecke an der „Bünte" in zwei Abschnitte, für die er je 5 Pf. Fahrgeld nahm. (SZ v. 23.11.1897)

 

Bald verlängerte er die Linie nach Süden bis zum Kollegienplatz (damals Standort des Gymnasiums) und bot Fahrten nach Exten und Todenmann an. (SZ v. 04.12.1897)

 

Henri Heinemann war Träger eines jüdischen Namens, der in Rinteln seit dem 16. Jh. auftritt (Kurt Klaus: Rintelns Juden. o.O. 1993, S. 24).

In den 30er Jahren betreibt die Familie in der Bäckerstraße ein beliebtes Schuhgeschäft. 1942 werden sein Sohn, dessen Ehefrau und ihre zwei Kinder Opfer des Holocaust. Er selbst war 1937 mit 73 Jahren gestorben und ruht auf dem jüdischen Friedhof (Klaus, S. 190). 

Auch ihm wurde 2013 ein „Stolperstein“ gewidmet:

 

 

 

 

https://commons.wikimedia.org/wiki/

File:Stolperstein_Rinteln_

Bäckerstraße_53_Henry_Heinemann.jpg

 

Dieser Mann war der erste "Busunternehmer" Rintelns!