Hessisch Oldendorf

Bürgermeister in Demokratie und Diktatur (1)

 

Dr. Ernst Blancke leitete als preußischer Beamter die Verwaltung der Stadt Hessisch Oldendorf von 1921 bis 1945, also nach der Weimarer Demokratie auch die NS-Diktatur hindurch. 

Wie kann das sein?, fragt man sich. 

Damit rücken die Zeitverhältnisse in den Brennpunkt, unter denen er agierte. Greifen wir nur wenige Schlaglichter aus Blanckes Biografie heraus: 

- in der Demokratie gewählt

- unter NS-Herrschaft beurlaubt

- wieder eingesetzt

- von der Gestapo zur Erschießung abgeholt

- von der britischen Militärregierung abgesetzt

so zeichnen sich die Unebenheiten einer Epoche ab, über die im Folgenden lokal- und regionalgeschichtliches Material zusammen getragen wird. 

Wer sich darüber hinaus die Frage nach der Beurteilung diese Mannes zutraut, steht - abgesehen von einigen unaufgeklärten Punkten - vor der Aufgabe, irgendwo zwischen den Eckpunkten: Täter-Opfer-Widerstandsheld eine angemessene Einordnung zu finden. 

Das Fazit des Verfassers beruht am Ende auf zwei verbundenen Überzeugungen:

Jede Beurteilung verlangt, dass man sich aus dem bequemen Schreibtischstuhl hinaus und an die Stelle jener denkt, die ihr Leben in der Zeit bewältigen mussten, in die sie geworfen waren.

So kommt man zum Wesentlichen. Denn wichtiger als das moralische Bewerten von Akteuren ist es, ihren Handlungsrahmen zu verstehen, also die materiellen und strukturellen Gegebenheiten und den „Geist“ einer Ära, um daraus - vielleicht - die richtigen Schlüsse zu ziehen.      

April 1945

Die Weserbrücken sind von deutschen Militärs gesprengt. Trotzdem nähern sich amerikanische Truppen von Rinteln und Hameln kommend auf der rechten Weserseite der Stadt Hessisch Oldendorf und kesseln sie allmählich ein. Auf dem Bahngleis steht eine deutsche Eisenbahn-Flak (ohne Lok) mit vier Geschützen, die Bodenziele bekämpfen soll.

 

 

 

Die Oldendorfer/Fuhler Hängebrücke vor der Zerstörung

(Alte Ansichtskarte)

Nach der Sprengung: Wieder im Fähr-Zeitalter (Alte Ansichtskarte)

Sie wird von amerikanischen Panzern, die auf der Höhe bei Herkendorf stehen, unter Feuer genommen. Schwache deutsche Einheiten, überwiegend junge Soldaten aus Nachwuchslehrgängen, graben sich in Schützenlöchern ein, um mit Handfeuerwaffen und Panzerfäusten den Feind aufzuhalten. Das selbstmörderische Prinzip „Wir verteidigen uns bis zum letzten Mann“ führt dazu, dass ein anrückender amerikanischer Spähtrupp in Höfingen beschossen wird. Die Amerikaner antworten am nächsten Tag und schießen das Dorf in Brand.1

Im Oldendorfer Rathaus sitzt seit 24 Jahren Bürgermeister Dr. Ernst Blancke.

Nun, am Abend des 7. April 1945, erscheinen dort zwei Gestapo-Leute. Sie haben mit Offizieren vor Ort gesprochen, nehmen Blancke fest und fahren mit ihm zur Gauleitung nach Bad Eilsen, deuten unterwegs an, er solle erschossen werden. Warum?

 

 

Dr. jur. E. Blancke

(Quelle: pappmuehle.de)

 

Die Antwort steht in Schriftstücken, die unmittelbar nach Kriegsende verfasst werden:


 - Blancke habe sich nicht um den Volkssturm gekümmert und sich gegen die Verteidigung der Stadt gewendet - so die Vertreter der SPD im Mai 1945. „Durch seine feste Haltung vor der Besetzung“ sei „unsere Stadt vor größeren Kriegsschäden bewahrt“ worden.

 - Er habe die Sprengung der Oldendorfer Weserbrücke verhindern wollen und sei „wegen seines Widerstrebens gegen die Absichten der Wehrmachtsführung“ der Sabotage beschuldigt und von der Gestapo abgeholt worden - so der von der britischen Militärregierung ernannte neue Landrat.

 - Er habe sich energisch geweigert, Werwolf-Angehörige, also NS-Partisanen,  in Oldendorf aufzunehmen und mit falschen Papieren zu versorgen, sowie sich „mit allen Kräften gegen eine militärische Verteidigung“ der Stadt gestellt.

So Pastor v. Viethinghoff (später Gemeindepastor der Paul-Gerhard-Gemeinde in Hameln), der als Offizier bei der im Raum Oldendorf eingesetzten Nachwuchs-Abteilung war. Er betont, „wahrscheinlich besser als  die meisten Einwohner“ über die Geschehnisse Bescheid zu wissen. Es stehe fest, dass „der Ort seine vollständige Erhaltung vor allem der Umsicht und Besonnenheit seines damaligen Bürgermeisters Dr. Blancke verdankt.“2

 

Auch Blancke selbst legt später Wert darauf, dass er sich weder um den „Volkssturm“ noch um den „lächerlichen Bau von Panzersperren“ gekümmert habe.3  Stattdessen habe er immer wieder die Offiziere der deutschen Verteidigungskräfte ersucht, die Weserbrücke nicht zu sprengen und „überhaupt die Stadt nicht in Kampfhandlungen einzubeziehen“. Sie hätten ihm erklärt, seine Äußerungen als private Meinung zu verstehen, weil sie ihn anderenfalls vor ein Militärgericht stellen müssten. Er erzählt weiter, die Gestapo habe ihn nach Bad Eilsen gebracht, um ihn dem Gauleiter Meyer vorzuführen. Eilsen habe aber schon unter Artilleriebeschuss gelegen, der Gauleiter sei geflüchtet und auch kein Stellvertreter mehr da gewesen. So sei er dort weg und mit dem Leben davon gekommen.4 Nach eigener Schilderung kehrt er noch in der Nacht zu Fuß nach Hause zurück. Eine vom Kreisleiter nach Ostendorf (nahe der Schaumburg) einberufene Bürgermeisterversammlung besucht er nicht, weil er seine Verhaftung fürchtet. NSDAP-Kreisleiter Reineking lässt ihm ausrichten, er werde ihn über den Haufen schießen, wenn er ihn zu Gesicht bekomme.  Dazu kommt es nicht mehr. 

 Am 11. April rücken amerikanische Truppen in die von Verteidigern geräumte Stadt ein. Im Juni übernimmt die britische Militärregierung die Verwaltung ihrer Zone. Blancke wird am 14. Mai entlassen und der Sozialdemokrat Wilhelm Mucke kommissarischer Bürgermeister. 

Sofort setzen sich verschiedene Persönlichkeiten für Blancke ein. Sie verweisen auch auf die Konflikte zwischen dem Bürgermeister einerseits und der NSDAP-Ortsgruppe, der Kreisleitung in Rinteln, der Gauinspektion in Detmold und der Gauleitung in Münster (Gau Westfalen-Nord) andererseits.

Blicken wir zurück.

 

1) Kölling, Friedrich, Hess. Oldendorf. 700 Jahre Entwicklung einer niedersächsischen Kleinstadt. Rinteln 1956, S. 117-122.

Ders., Die Kämpfe um die Weser 1945 […]. Schaumburger Heimatblätter, Sonderdruck 1960/61, S. 53-60.

Zeitzeuge Erich Horn, Hess. Oldendorf

2) NLA Bückeburg, Dep 46 B acc. 23/85 Nr. 67

3) Zum Volkssturm und den Panzersperren siehe: Kölling 1956, S. 118; Ders. 1960/61, S. 53

4) NLA Bückeburg, Dep 46 B acc. 23/85 Nr. 67

 

Vor der Machtergreifung

Dr. jur. Ernst Blancke hatte sich im Jahr 1921 auf eine Stellenanzeige der Stadt Hess. Oldendorf im „Hannoverschen Courier“ beworben. Er war damals 37 Jahre alt und hatte Familie mit zwei Kindern. Während des Weltkrieges und bis Mitte 1919 war er Gerichtsoffizier beim Inf. Regt. 77 in Celle gewesen. Das unterbrochene Studium beendete er nicht und machte kein Assessor-Examen. Zur Zeit der Bewerbung absolvierte er ein viermonatiges Praktikum („informatorisch tätig“) bei der Stadtverwaltung Celle, wodurch er einen „Überblick über die gesamte Stadtverwaltung“ zugewinnen hoffte.Er wurde in Hessisch Oldendorf angenommen und im August 1921 in das Amt des Bürgermeisters eingeführt. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Notgeld 1921 mit Blanckes Unterschrift. (Quelle: akpool.de)

 

Noch vor Ablauf seiner zwölfjährigen Amtszeit wählte ihn die Stadtverordnetenversammlung, die aus 7 „Bürgerlichen“ und 5 Sozialdemokraten bestand, am 16. Januar 1933 einstimmig für weitere 12 Jahre zum Bürgermeister.  

Er war bis dahin parteilos. Seine politische Grundhaltung wird in der Familie als „Zentrums-Anhänger und kaisertreu bis auf die Knochen“ überliefert.Er selbst äußerte sich dazu zweimal, als er sich - in entgegengesetze Richtungen - verteidigen musste. In einem Verhör betont er 1934: 

„Ich bin immer deutsch-national eingestellt gewesen, ohne dass ich mich einer Partei angeschlossen hätte.“7

Im Januar 1946 dagegen: „… stimmt das nicht mit dem deutschnational, denn ich habe mich überhaupt nicht um Politik gekümmert.“8

 

Für Blanckes überparteiliche und sachorientierte Amtsauffassung sprechen tatsächlich:

- die einstimmige Wiederwahl im Januar 1933 durch die konservativ und sozialdemokratisch zusammengesetzte Stadtverordnetenversammlung und

- die Erklärung der SPD-Vertreter vom Mai 1945, sie hätten vor der Machtergreifung „gern mit ihm zusammen gearbeitet.“9

Auch die heftigen Beschwerden der NSDAP-Ortsgruppe, er habe als Ortspolizeibehörde in den Wahlkämpfen und Auseinandersetzungen des Jahres 1932 stets parteilich zugunsten der Sozialdemokraten und Kommunisten agiert, deuten gerade auf Unparteilichkeit. Selbst in den Verhören von 1933 hat Blancke nicht bestreiten können, dass er z.B.  

- im Mai 1932 anordnete, Hakenkreuzfahnen von den Schornsteinen der Stuhlfabrik Brautlecht und der Zuckerfabrik (letzteres gegen den Widerstand des Direktors) entfernen zu lassen,

- in der Wahlnacht vom 30./31. Juli 1932, als die Zusammenstöße zwischen NSDAP-Leuten und Sozialdemokraten bzw. Kommunisten mit der Erschießung eines Reichsbanner-Mannes endeten, das „Braune Haus“ in Oldendorf (die Gaststätte Heitz), in Begleitung von Landjägern aufsuchte und als eigentlichen Unruheherd brandmarkte, 

- am folgenden Tag ausschließlich Nazis verhaften ließ.10      

Noch ein weiteres Detail, lange nach der Machtübergabe geschehen, sagt viel über Blanckes legalistisch-korrekte Amtsführung: Anlässlich einer Haussammlung der NSDAP im August 1933 gibt der Bürgermeister nicht nur keine Spende, sondern schickt dem Ortgruppenleiter die Polizei ins Haus - wegen einer „polizeilich nicht genehmigten Sammlung“!11

5) Hier bestehen eklatante Widersprüche zwischen Blanckes Angaben und einem ihn betreffenden Artikel in: Marc Zirlewagen, Biographisches Lexikon der Vereine Deutscher Studenten, Bd. 1, Norderstedt 2014. Während Blancke berichtet, er habe „den Krieg nicht mitmachen“ können „wegen eines Magenleidens“, steht im Lexikon: „1916-1918 leistete er Kriegsdienst“ und er sei „Träger des Eisernen Kreuzes II. und I. Klasse“ gewesen. Kriegsdienst und Auszeichnungen hätte Blancke in seiner Bewerbung von 1921 gewiss erwähnt. Er tat es auch 1934 nicht, als er seinen Lebenslauf in einer Untersuchung der Gauinspektion vortrug, von der noch die Rede sein wird. (StA Detmold, L 113 Nr. 35, Bl. 100) Aus dem Praktikanten wird im Lexikon ein „Leiter des Rechtsamts“. Soviel zur Zuverlässigkeit dieses Lexikons.

6) Mitteilung des Enkels Peter Blancke, Fulda

7) StA Detmold L 113 Nr. 35, Bl. 102, 214

8) NLA Bückeburg Dep 46 B acc 23/85, Nr. 67

9) ebd.

10) StA Detmold L 113 Nr. 35, Bl. 54, 209, 210

11) ebd., Bl. 45

Angriffe und Verhöre im Jahr 1933

Die auf Seiten der Nazis aufgestaute Empörung brach sich Bahn und wurde aktenkundig nach der Kommunalwahl vom 12. April 1933. Drei Bürgerliche, drei Sozialdemokraten und sechs Nationalsozialisten waren gewählt. Weil zwei Bürgerliche zur NSDAP übertraten und die drei gewählten Sozialdemokraten nicht erschienen, standen in der Stadtverordnetenversammlung zunächst 8 Nationalsozialisten dem einen „unpolitischen“ Landwirt Carl Pape gegenüber (der 1921 als Stadtverordnetenvorsteher den Kontakt mit Blancke in Celle geknüpft hatte). 

Der NS-Fraktionsvorsitzende Marcus Peter Jenner wurde in den Magistrat gewählt und dem Bürgermeister als Stellvertreter zur Seite gegeben. Jenner, Parteimitglied seit 1930, war seit jeher dafür bekannt, dass er zu verschiedensten Fragen durch Beschwerden und Unterschriftensammlungen Stellung nahm, zuletzt gegen das geplante Kriegerdenkmal. Nach Blanckes Einschätzung war Jenner jemand, der „überall Zwietracht sät“.12 Er war 1925 wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt und 1932 wegen Beleidigung vorbestraft13 (in der Folge dann 1934 wegen Beleidigung und Körperverletzung - darüber unten mehr. Für seine Sinnesart spricht noch in den 50er Jahren eine Bestrafung wegen Verstoßes gegen die Bauordnung.14)

In Teilen der Bevölkerung war er aber beliebt. Er hatte die Kandidatenliste der NSDAP angeführt, auf die 627 Stimmen entfallen waren, bei 515 Stimmen für SPD und „Bürgerliche“.15

An der Fassade seines Hauses hatte er aus Mörtel oder Beton ein Hakenkreuz anbringen lassen, dessen Spuren noch heute (2015) sichtbar sind, obwohl ein Fallrohr darüber gelegt wurde. Es soll in letzter Minute vor dem Einmarsch der Amerikaner im April 1945 abgeklopft worden sein.

 

Zu den oben erwähnten Beschwerden gegen Dr. Blancke, die das Jahr 1932 betreffen, werden nun weitere erhoben:

- Er habe seit der Machtübernahme keine Nationalsozialisten in städtische Dienste eingestellt, wie von den Pgn. gewünscht, sondern sogar (ehemalige) SPD-Mitglieder.

- Er habe für die Entwicklung der Stadt überhaupt nichts geleistet.

Außerdem, in Jenners Formulierung:

- „Wegen das ablehnende, zögernde Verhalten inbezug auf Verbesserung der Einkünfte der Stadtkasse …“ 

- „Wegen das gleichgültige Verhalten des Herrn Bürgermeisters zur Beschaffung des Arbeitsprogrammes …“ 

Es geht dabei fast immer um Vorschläge Jenners, die Blancke abgelehnt hatte. Darin sehen die Parteigenossen „eine sehr gleichgültige Haltung … gegen unsere NSDAP Stadtvertretung“.

Dazu kommt der Plan, für die Kanalisation der Hauptstraße einen Kredit aufzunehmen. Obwohl später gerichtlich festgestellt wurde, dass Jenner diesen Vorschlag mit unterschrieben hatte16, benutzt er ihn im Juli 1933 dazu, Blancke in einem Fraktionsantrag „unser tiefstes Misstrauen“ auszusprechen.

Er fügt noch eine Denunziation gegen den Stadtverordneten Carl Pape an:

„Soeben wird mir gemeldet, daß Malermeister Geertz gesagt hätte … daß Herr Karl Pape bestimmt erklärt hätte: ‘Ehe daß ich einen Nazi wähle, wähle ich einen Kommunisten!‘“17

Fünf Tage später, inzwischen zum Ortsgruppenleiter aufgestiegen, fordert er in gemeinsamer Sitzung von Magistrat und Stadtverordneten Blanckes Absetzung.18

Die Parteigenossen wenden sich auch an Kreisleiter Reineking in Rinteln. In einem Schreiben Reinekings an Blancke vom 11. August ist „von verschiedenen Pg. aus Hess. Oldendorf zugegangenen Mitteilungen“ die Rede. Es geht u.a. um den Stellmachermeister Koch, der „nach wie vor die Öffentlichkeit beunruhigt“ und „Ehre und Ansehen“ der Partei angreife.19

 

 

 

 

 

Spuren vom Hakenkreuz am ehemaligen Haus von M.P. Jenner in der Bahnhofsallee.

(Foto: Verfasser)

 

Hinzu kommen die angeblichen Benachteiligungen von NSDAP-Mitgliedern, die „von gewissen reaktionären Kreisen“ „sogar wirtschaftlich boykottiert werden.“ Dies bezieht sich z.B. auf die Entlassung des vormaligen Ortsgruppenleiters Julius Schramme als Werksleiter bei der Holzwarenfabrik Steierberg, die mit einem arbeitsgerichtlichen Vergleich endete.20

Reineking weist Blancke scharf zurecht, er habe „die Pflicht, dieses Treiben ganz energisch zu unterbinden“ und vermutet „daß Ihnen hierzu die nötigen Qualitäten fehlen.“ Sollte Blancke nicht all seine „Gewalt zum Schutze der nationalsozialistischen Bewegung“ einsetzen, werde Reineking „höheren Ortes“ seine „sofortige Abrufung“ verlangen. 

„Ich verlange, daß jeder Beamter restlos auf dem Boden der nationalsozialistischen Revolution steht … Ich hoffe, daß dieser Hinweis genügt, anderenfalls behalte ich mir weitere Schritte vor.“ 

 

Am 24. August lässt Gauinspekteur Riecke eine parteiamtliche Untersuchung in Hessisch Oldendorf durchführen. 

Im Anschluss daran schaltet sich der Hannoversche Regierungspräsident Stapenhorst ein und veranlasst am 25. September eine erneute Untersuchung, diesmal durch seinen eigenen Beauftragen, Landrat i.e.R. Dr. Kiepert, in Anwesenheit des Rintelner Landrates Dr. Moewes. 

Blancke, Stapenhorst, Moewes und Kiepert gelten als Vertreter der konservativen Beamtenschaft - im Jargon der Nazis: der „Reaktion“, der „Systemzeit“. Der gesellschaftliche Verkehr zwischen Moewes und Blancke ist belegt, eine Freundschaft mit Stapenhorst ist behauptet und plausibel. Somit ist mit Händen zu greifen, dass Stapenhorsts Eingreifen ein Akt der Hilfestellung für Blancke ist. 

Dafür spricht auch ein Schreiben Jenners, in dem er am 28. August an die Gauinspektion entrüstet meldet:

„Mir ist verschiedentlich mitgeteilt worden, daß Brautlecht [Oldendorfer Stuhlfabrikant, dessen Rolle noch zur Sprache kommen wird] und Dr. Blancke gestern beim Herrn Regierungspräsidenten Dr. Stapenhorst gewesen sind!“21

Die Aussagen in beiden Untersuchungen decken sich inhaltlich. Weil die sachlichen Vorwürfe später vom Preußischen Innenministerium ohnehin als haltlos beurteilt wurden, konzentrieren wir uns auf die Einschätzungen von Blanckes politischer Einstellung und Charakter.

- Er habe bis zuletzt das „rote System“ gestützt, sei „Feind unserer Bewegung“ gewesen (Pg. Gellermann, Kreisleiter Reineking) und hintertreibe noch immer alle Anträge der NS-Fraktion (Pg. Gellermann, Pg. Diekmann)

- Er werde getragen von „deutsch-nationalen reaktionären Kreisen“ (SS-Truppführer Siepmann, Reineking), „vom Klüngel der ‚besseren‘ Herren … geschoben“ (Gauinspekteur Riecke)

- ein „politischer Feigling und Hasardeur“ (Reineking)

- „Durchaus unsympathisch“, „weich, nervös und ausgesprochener Kompromißler“ (Riecke)

Der Beauftragte des Gauinspekteurs resümiert im August, „daß der besoldete Bürgermeister Dr. Blan[c]ke verschwinden muß und durch einen städtischen Beamten ehren- und nebenamtlich ersetzt werden kann.“22

Griffig lautet die Forderung von SS-Mann Lutter im September: „Wir wollen endlich von Nationalsozialisten regiert werden!“23

Beides korrespondiert mit den Aussagen der Pgn. Senator Kaiser und Postschaffner Zaag - die das erwähnte Misstrauensvotum nicht mit unterschrieben hatten und seit dem von Fraktionssitzungen ausgeschlossen wurden - dass Jenner die Umwandlung der Bürgermeisterstelle in eine ehrenamtliche anstrebe, „weil er diesen Posten selbst einnehmen will.“24

12) Blancke an Regierungspräsident. StA Bückeburg, Dep. 59 Nr. 2178

13) StA Detmold L 113 Nr. 35, Bl. 127

14) NLA Bückeburg, H 121b Nr. 96

15) StA Detmold L 113 Nr. 35, Bl. 88

16) ebd. Bl. 126, 127

17) NLA Bückeburg Dep. 59 Nr. 55

18) ebd.

19) NLA Bückeburg Dep 46 B acc. 23/85 Nr. 67

20) StA Detmold L 113 Nr. 35, Bl. 55

21) StA Detmold L 113 Nr. 35, Bl. 14

22) ebd. Bl. 10

23) ebd. Bl. 54

24) ebd. Bl. 55 f.

Druck und Terror

Bei der Untersuchung im August 1933 kommt es zu einem tätlichen Angriff auf Blancke. Jenner fordert für Reisekosten zum Reichsparteitag in Nürnberg Geld aus einem Sonderfonds des Bürgermeisters. Als Blancke das wiederholt ablehnt, was sein gutes Recht ist, springt Jenner mit den Worten „Man müßte Sie doch gleich, Sie Schisser …“ auf ihn zu und schlägt ihn mit der Faust ins Gesicht.25

Im Protokoll der Gauinspektion liest sich das so: 

„Pg. Jenner benimmt sich auch bei der Vernehmung nicht gerade als mustergültiger Nationalsozialist“. Sein Verhalten beruhe auf „Nervosität und Überreiztheit“ und sei „von Leuten, die ihn verstehen, unbedingt zu entschuldigen“. Aber um Schaden von der „Bewegung“ abzuwenden, solle Jenner als Ortsgruppenleiter abgesetzt werden.26

Im Oktober wird er durch Schlossermeister Heinrich Gellermann abgelöst.

Vorher noch kolportiert er an den Gauinspekteur „höhnische Bemerkungen“ Blanckes, Hitler solle „nur Geld schicken, dann kann alles ausgeführt werden“ und fordert u.a. „wegen Brotlosmachung unserer Parteigenossen“, dass „Dr. Blan[c]ke, Stuhlfabrikant Brautlecht, Zucker[fabrik]direktor Ka[h]lmann in das Konzentrationslager gebracht werden!“27

Unter Kreisleiter Reineking, dem „enfant terrible“ des Landkreises mit „seiner wilden Schutzhaftpolitik“27, war das keine leere Drohung. Das zeigen die Geschehnisse zwei Tage nach der ersten Untersuchung gegen Blancke: 

- Zu den Parteigenossen, die sich beruflich benachteiligt sahen, gehörte auch Schlossermeister Gellermann. Nachdem er negativ gegen Blancke ausgesagt hatte, entzog ihm der Stuhlfabrikant Brautlecht, bekanntermaßen ein Freund und Kegelbruder des Bürgermeisters, am nächsten Tag sämtliche Wartungsarbeiten in seinem Werk. Das war natürlich bei der angespannten Wirtschaftslage eine schmerzhafte Maßnahme. 

- Am 26.08.33 fährt der zukünftige Ortsgruppenleiter nach Rinteln und beschwert sich beim Kreisleiter über diesen „Boykott“.

- Reineking greift zum Telefon und stellt Brautlecht zur Rede. Der Fabrikant antwortet angeblich „in einem frechen und unverschämten Ton“, das sei allein seine Angelegenheit.

 

 

 

 

Ansicht der Stuhlfabrik Brautlecht 1933 (Quelle: ebay.de)


- Sofort formuliert der Kreisleiter einen Antrag auf Schutzhaftbefehl beim Landratsamt. Dort wird die telefonische Billigung des Landrates eingeholt. 

- Gellermann bekommt den Schutzhaftbefehl in die Hand gedrückt. Er fährt zurück nach Hessisch Oldendorf und übergibt ihn an Bürgermeister Blancke zur Vollstreckung.

- Noch am Nachmittag bringt der Oldendorfer Polizist den Fabrikanten, in Begleitung seines Sohnes, nach Rinteln.


- Reinekings wirft handschriftlich folgenden Text auf ein Blatt Papier:

Erklärung und Verpflichtung

Ich, der Unterzeichnete, verpflichte mich, meine gegnerische Einstellung gegen einige Mitglieder der NSDAP.-Bewegung mit dem heutigen Tage für immer aufzugeben. Ich bitte, Herrn Gellermann auch im Namen meines Sohnes um Verzeihung, weil ich Anordnungen gegeben habe, die Gellermann wirtschaftlich boykottieren sollten. Ich will mit Gellermann genau so verkehren wie bisher und genau so wie bisher Aufträge zukommen lassen.

Ich will in Zukunft allen Nationalsozialisten freundlich begegnen und beachten. Ich will mich dafür einsetzen, daß Herr Schramme wieder bei der Firma Steierberg eingestellt wird, weil er zu Unrecht entlassen ist.

Rinteln, den 26. August 1933.

- Brautlecht unterschreibt und Gellermann bekommt das Papier.

Der ganze Vorgang hat zweifellos Terror-Charakter. Auch die anschließende Strafanzeige Brautlechts gegen Reineking wegen Nötigung und Freiheitsberaubung beweist, was von Gellermanns späterer Erklärung zu halten ist, der Kreisleiter habe „keinerlei Drohung gegen Brautlechts dahin ausgesprochen, daß, wenn sie sich mit mir nicht einigten, die Schutzhaft vollstreckt werden würde.“29

Reineking bezeichnet die Nötigung als eine von ihm vermittelte „Einigung“. Er habe dann umgehend an den Oldendorfer Polizisten geschrieben, dass dieser „den Schutzhaftbefehl nicht vollstrecken sollte.“ 

Er fügt eine Aktennotiz des Landratsamtes an: „Die Verhaftung ist auf Anordnung des Reineking nicht ausgeführt. z.d.A. gez. R. [Reith, Kreisrat].“30

Der Oldendorfer Polizist hatte, wie Reineking selbst feststellt, „zu dieser Zeit den Brautlecht sen. auf Grund des Schutzhaftbefehls schon verhaftet und nach Rinteln gebracht.“ Diese Festnahme konnte nicht rückgängig gemacht werden, aber die Schutzhaft brauchte Brautlecht nach der abgepressten Unterschrift nicht anzutreten.

Die Formulierung „Auf Anordnung des Reineking“ zeigt übrigens, wie im Landratsamt die praktische Zuständigkeit für Schutzhaftbefehle verstanden wurde.  

Das juristische Verteidigungsargument Reinekings lautete dagegen: Verantwortlich für die Schutzhaftbefehle sei der Landrat Moewes, denn dieser habe sie genehmigt.   

Entsprechend schlussfolgert die Gauinspektion in einer Stellungnahme zu mehreren solcher Haftbefehle Reinekings (die z.T. wirklich zur Einweisung ins KZ Moringen führten): Wenn sich jemand strafbar gemacht habe, dann „nur der Landrat Dr. Moev[!]es und sein Kreisinspektor Reith.“

Das ist purer Zynismus, denn Riecke gibt gegenüber dem Oberpräsidenten Lutze zu, dass Landrat Moewes „unter dem Druck des Kreisleiters Reineking“ gestanden habe. Auch sei der Schutzhaftbefehl gegen Brautlecht „benutzt worden, von Brautlecht bestimmte Zusicherungen zu erhalten, wenn er auf freiem Fuße bleiben sollte“, und Reineking habe „auch in anderen Fällen versucht, Schutzhaftbefehle zu erzwingen.“[!] Der Landrat aber, der kein Pg. ist, habe dabei „eine sehr schwächliche Rolle gespielt“. 

Ein „beschleunigter Personenwechsel“ sei nötig. Das bezieht sich natürlich nicht auf Reineking, sondern auf den deutsch-nationalen Landrat, der „baldigst“ beurlaubt werden möge.31

Das geschieht im März 1934. Für den Kreisleiter blieben die Anzeigen folgenlos.

 

Gegen Blancke persönlich hatten sich weitere Gewaltandrohungen gerichtet. Anfang 1934 kommt ihm zu Ohren - vermutlich durch den inzwischen aus der Partei ausgeschlossenen Sattlermeister Diekmann - der Ortsgruppenleiter habe vom Kreisleiter den Auftrag bekommen, ihn zu verprügeln: 

„… hauen, bis er in die Knie falle … und ihn dann fragen, ob er Hiebe bekommen hätte und wenn er ja sagte, sollte er weiter geschlagen werden, bis er nein sagte.“

Diekmann und Sparkassenbeamter Schüte geben als Zeugen eidesstattliche Erklärungen ab. 

Blancke wendet sich an den Regierungspräsidenten Stapenhorst, der sich beim Gauinspekteur beschwert; auch dieser Vorwurf wird Teil der Untersuchungen gegen Reineking.

Gellermann entlastet seinen Kreisleiter und sagt aus, dass er selbst - aus Ärger über Blanckes Einstellungspraxis, (ehemalige) SPD-Leute anstatt Parteigenossen zu beschäftigen - vorgeschlagen habe: „Wie ist es, sollen wir ihn rausholen und ordentlich vertrimmen?“ Reineking habe aber gesagt: „… er stünde für keinen gerade, die derartige Sachen machten …“

 

 

 

 

 

Kreisleiter Gustav Reineking (Quelle: StA Bielefeld)


Gellermanns Behauptungen sind fadenscheinig, denn einerseits will er sich nicht mehr an seine Äußerungen erinnern können, andererseits aber habe er - „wenn geschehen“ (nachträglich eingefügt) - „das auch in bester Absicht gesagt“. 

Und die Absicht war: „den Widerstand des Bürgermeisters gegen unsere Bewegung zu brechen.“

SS-Truppführer Siepmann bestätigt, „daß meine SS-Männer ihn [Blancke] herausholen und ablatten wollten.“ Reineking habe aber „davon abgeraten“.

Auch Reineking selbst stellt sich als einer dar, der Misshandlungen niemals angeordnet, sondern im Gegenteil unterbunden habe. So auch bei Parteigenossen in Hessisch Oldendorf, 

„die so wütend auf den Bürgermeister Dr. Blancke waren, daß sie drohten, den Bürgermeister über den Haufen schießen zu wollen.“32

Wie die Einzelheiten auch liegen mögen - die Atmosphäre von Gewalt und Gewaltdrohung ist deutlich.

25) ebd. Bl. 126-127. Der anwesende (nachmalige) Ortsgruppenleiter Gellermann erzählte später dem Pg. Stadtverordnetenvorsitzenden Diekmann: „Marcus hat ihm eine auf die Augen gesetzt.“ Diekmann sagte im Prozess gegen Jenner entsprechend aus und wurde dafür noch im Verlaufe des Jahres aus der NSDAP ausgeschlossen.

26) StA Detmold L 113 Nr. 35, Bl. 8 u. 10

27) ebd. Bl. 13 f.

28) Gerd Steinwascher, Machtergreifung, Widerstand und Verfolgung in Schaumburg. In: Niedersächsisches Jahrbuch f. Landesgeschichte, Bd. 62, Hannover 1990, S. 36

29) StA Detmold L 113 Nr. 31, Bl. 27-29, 34, 45-47, 51 f., auch für das Folgende.

30) ebd. Bl. 62

31) ebd. Bl. 19-22.  Siehe auch die ausführliche Darstellung von Person und politischer Praxis des Rintelner Kreisleiters bei: Jan Wendorf, Gustav Reineking - Kreisleiter in der Grafschaft Schaumburg. In: Schaumburger Nationalsozialisten, hg. v. Frank Werner, 2. Aufl. Bielefeld 2010, S. 220-241. (Details wären zu korrigieren, z.B.: Brautlecht war nicht Schuh-, sondern Stuhlfabrikant; Brautlecht „suchte“ den Kreisleiter nicht „auf“, sondern wurde polizeilich vorgeführt.)

32) StA Detmold L 113 Nr. 31, Bl. 25, 35, 47-50